Fahrradstadt Münster

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Die 300.000 Einwohner zählende nordrhein-westfälische Stadt Münster konnte trotz ihrer Größe einen gewissen ländlichen Charme bewahren. Backsteinhäuser, Villen und Einfamilienhäuser prägen das Erscheinungsbild der Innenstadt, während Streusiedlungen und Einzelgehöfte das Umland der Stadt bilden. Die bewegte Geschichte von Münster spiegelt sich in den Gebäuden und Monumenten der historischen Innenstadt wieder, die am besten mit dem Fahrrad zu erkunden sind. Diese Art der Fortbewegung nutzen nicht nur die zahlreichen Studenten, die Münster in den letzten Jahrzehnten zu einer der größten Universitätsstädte Deutschlands mit internationaler Anerkennung gemacht haben, sondern vor allem immer mehr Touristen.

Die Stadtverwaltung hat den Trend zum Rad erkannt und Münster zu einer Fahrradhauptstadt ausgebaut, die diesen Namen auch verdient. Die vom deutschen Architekten Wilhelm Ferdinand Lipper entworfene Promenade, die sich bereits seit 1770 auf den ehemaligen Wallanlagen um die gesamte Altstadt von Münster schlängelt, ist mittlerweile nur noch für Radfahrer und Fußgänger freigegeben. In diesem als Hansaviertel bekannten Szenegebiets reihen sich Cafés, Restaurants, Bars, Galerien und Kultkneipen aneinander. Auffallend sind die vollen Radständer vor den Geschäften und die angenehme autofreie Atmosphäre.

Seit wann fahren die Münsteraner auf ihr „Leeze“ so ab?

Fahrräder werden von der Münster Bevölkerung in ihrer Sondersprache liebevoll als „Leeze“ bezeichnet, von denen es immerhin um die 500.000 im ganzen Stadtgebiet geben soll. Bereits um die Mitte des 19. Jahrhunderts wurden in Münster in mehreren Schmiedewerkstätten Fahrräder verkauft. Oft waren es Eigenanfertigungen, aber es fanden auch die Fahrräder namhafter Unternehmen wie Opel, Miele und Union ihre Käufer.

Zusätzlich wurde die Fahrradkultur in Münster noch durch mehrere Vereine gefördert und gepflegt, die regelmäßig Ausstellungen mit historischen Fahrrädern, Radtouren und Trainings organisieren. Heute reihen sich Fahrradgeschäfte, Fahrradverleih und speziell auf Radtouristen abgestimmte Reiseleiter aneinander. Diese Liebe zum Fahrrad brachte Münster schon mehrmals die vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC) und dem Bund für Umwelt und Naturschutz verliehenen Auszeichnung als fahrradfreundlichste Stadt Deutschlands ein. Diese öffentliche Anerkennung hat auch die Stadtpolitik immer wieder dazu angetrieben, die Bedingungen für Radfahrer in Münster noch weiter zu verbessern.

Das Fahrrad im alltäglichen Leben

Auf dem Münster Radnetz, das nach dem Zweiten Weltkrieg begonnen und bis heute auf eine Länge von etwa 300 Kilometern ausgebaut wurde, herrscht jeden Tag reger Verkehr. Viele Pendler nutzen das Fahrrad für den täglichen Weg zur Arbeit, um die lästige Parkplatzsuche und die vielen Einbahnstraßen zu umgehen. Für Besucher der Stadt wurden über 100 spannende Themenrouten eingerichtet, die auch Ausflüge in das städtische Umland beinhalten.

Als Radfahrer genießt man in Münster zusätzlich einige Sonderregelungen. Neben den 11 speziellen Fahrradstraßen fällt darunter auch die Erlaubnis gegen die Einbahn zu fahren und bei Ampeln im Hauptverkehr den Vorrang zu haben. Ohne Umwege gelangt man mit dem Fahrrad bequem quer durch die Innenstadt, um zu Shoppen, das Hafengelände zu erkunden oder sich einfach nur in der Menschenmenge treiben zu lassen.

Leider bringt eine große Fahrraddichte auch einige Probleme mit sich. Jährlich werden fast 2000 Fahrräder gestohlen, womit Münster mit durchschnittlich 13 gestohlenen Fahrrädern am Tag den traurigen Spitzenplatz in Deutschland hält. Für wiedergefundene Räder gibt es die Fundfahrradstation der Stadt Münster, die jedes Jahr übriggebliebene Fahrräder versteigert. Ein weiterer Wehrmutstropfen sind die Verkehrsunfälle, bei denen häufig Radfahrer verletzt werden. Laut polizeilichen Angaben könnten die meisten davon vermieden werden, wenn sich die Radfahrer ihres Vorranges nicht immer so sicher wären und außerdem Schutzmaßnahmen (Fahrradhelm) anwenden würden.

Veranstaltungen rund ums Fahrrad

Eine der größten Radveranstaltungen in Münster ist der Münsterland Giro, der mit seinen unterschiedlichen Streckenlängen jährlich tausende Radfahrbegeisterte anlockt. Aber bereits im Januar wird mit der Winterbike-Trophy die Fahrradsaison in Münster eröffnet. Neben weiteren Großveranstaltungen wie „Rad am Ring“ dürfen sich Radfahrer auf zahlreiche kleinere Veranstaltungen der Vereine freuen, die unter anderem spezielle Touren für Frauen, Stammtische und Kurse rund um das Thema Rad anbieten.

Natürlich sind auch die Hotels in Münster bestens auf Fahrradurlauber eingestellt. Über die Homepage von Münster-Marketing erhält man schnell die aktuellen Angebote der Tourismusanbieter. Dort werden außerdem kostenlose Radkarten-Sets ausgegeben, die über unterschiedliche Touren mit einer Länge von 25 bis 30 Kilometern informieren. Die Hotels stellen außerdem Leihfahrräder zur Verfügung und auf Wunsch private Radvermittler zur Seite, die den Gast zu den Fahrrad-Highlights der Stadt führen. Bequem und ohne sich Gedanken um den Weg machen zu müssen radelt man mit ihm vorbei an Schlössern, entlang der Flussrouten WerseRadWeg und EmsRadweg oder den Münster Arkaden. Er kennt auch den besten Reparaturservice, die verschiedenen Radlager der Stadt, wo Gepäck während der Tour aufbewahrt werden kann, und die günstigsten Geschäfte für Fahrradzubehör.

Fahrradhauptstädte in Deutschland

Neben Münster zählt vor allem die Universitäts- und Hansestadt Greifswald zu den Fahrradhauptstädten Deutschland. Über 40 Prozent der dortigen Bevölkerung nutzen das Fahrrad für ihre täglichen Besorgungen. In den letzten Jahren steht die Idee einer autofreie Innenstadt immer wieder auf der Tagesordnung der Stadtverwaltung in Greifswald, um damit das Radfahren noch attraktiver zu machen.

Noch eine nordrhein-westfälische Großstadt darf sich mit einer fahrradfreundlichen Verkehrspolitik rühmen: die am Rande des Ruhrgebietes liegende Stadt Oberhausen. Die Wiege des Ruhrgebietes kann heute mit einem sehr gut ausgebauten Rad- und Wanderwegenetz aufwarten, das vom Stadtinneren bis in die Wälder der Kirchheller Heide reicht. Gemeinsam mit Münster und Greifswald sowie 70 weiteren Gemeinden und Städten ist Oberhausen Mitglied in der 1993 gegründeten Arbeitsgemeinschaft fußgänger- und fahrradfreundlicher Städte, Gemeinden und Kreise in Nordrhein-Westfalen e.V. (AGFS). Weitere bekannte Mitglieder sind zum Beispiel Dortmund, Düsseldorf und Leverkusen.

Ebenfalls mit sehr gut bewertet wurde die Fahrradinfrastruktur der niedersächsischen Hauptstadt Hannover, das beim letzten jährlichen Fahrradklimatest vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC) und dem Bund für Umwelt und Naturschutz auf Platz Vier gelandet ist. Das gute Fahrradgefühl der Einwohner Hannovers wird nur durch zu viele PKW-Falschparker auf Fahrradwegen getrübt. Ebenfalls auf einem guten Weg ist die sächsische Wirtschafts- und Kulturstadt Leipzig, wo laut Verkehrsstatistiken der letzten Jahre der Autogebrauch rapide zurückgegangen ist, während immer mehr Pendler, Studenten und Touristen auf den Drahtesel umsteigen. Die monatlich stattfindende Critical-Mass-Fahrt wurde von Fahrradliebhabern ins Leben gerufen, um auf Verbesserungen im Radnetz aufmerksam zu machen.

Es gibt heute zum Glück kaum mehr eine Stadt in Deutschland, die nicht dem immer lauter werdenden Ruf der Radfahrer nach Anerkennung und Unterstützung im Straßenverkehr folgt.

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